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Wie geht es dir wirklich?

Es ist nicht immer alles so, wie man denkt. Hinter der Fassade fast jedes Menschen stecken kleinere oder größere Probleme, die man als Außenstehender nicht sieht. Das merke ich auch an mir selbst. Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen, nur sieht man die wenigsten Päckchen ganz offensichtlich. Ich persönlich kenne übrigens niemanden, der ehrlich und aufrichtig sagen kann, dass in seinem Leben immer alles perfekt ist, dass über Jahre hinweg alles nur kerzengerade lief. Wer dies behauptet, der lügt. Sehr seltene Ausnahmen ausgeschlossen.

Vor drei Jahren schrieb ich über meinen Tinnitus, um genau das zu verdeutlichen: Auch ich habe ein Päckchen, das ich seit vielen Jahren zu tragen habe. Und auch bei mir gibt es diese Tage, an denen ich das Gefühl habe, an dem Tinnitus und seinen Folgen zu zerbrechen – und ich mich mit ganz viel Kraft wieder aus solch einem Tief herausziehen muss. Ich kann mich sehr glücklich schätzen mit dem Leben, das ich führen darf, und das ich mir zu großen Stücken selbst aufgebaut habe. Aber nein, es ist nicht perfekt. Und mit dem sehr persönlichen Artikel über meinen Tinnitus wollte ich eben solche Aussagen wie „Dein Leben ist so perfekt, ich würde so gerne mit dir tauschen“, die ich aufgrund meines Jobs oftmals bekomme, klar entkräften. By the way eine Aussage, die ich niemals, bei absolut niemandem treffen würde.

Weil ich schon bei so vielen Menschen hinter die Kulissen blicken konnte. Und der nach außen am glücklichsten wirkende Mensch manchmal im Inneren zutiefst depressiv ist – um ein gar nicht so seltenes Extrembeispiel zu nennen. Viele Menschen laufen mit einer selbst auferlegten Maske herum.

Vor kurzem waren wir in einem Restaurant essen und die Kellnerin war unglaublich zuvorkommend, sprühte vor Energie und war sehr herzlich zu uns. Als wir an einem anderen Tag zurückkamen und uns auch auf den netten Service freuten, war sie wie ausgetauscht. Völlig abwesend, unfreundlich und kurz angebunden. Im ersten Moment waren wir alle total genervt. Und irgendwann kam mir der Gedanke, was wohl hinter diesem Verhalten steht. Ganz sicher nicht ist sie mit dem Gedanken aufgestanden „Heute probiere ich mal aus, wie es ist, so richtig unfreundlich zu sein.“

Vielleicht hat sie am Morgen eine schlimme Nachricht bekommen und raffte sich trotzdem dazu auf, zur Arbeit zu gehen. Vielleicht hatte sie einfach nur einen ganz furchtbar schlechten „Alles ist doof!“-Tag, da das Baby die ganze Nacht geschrien und sie kein Auge zugetan hat. Vielleicht hat sie gerade eine schlimme Trennung hinter sich … und so weiter und so fort. Alles keine Gründe, die Gäste in einem Restaurant anzupampen, aber jeder geht nunmal mit Problemsituationen anders um – und man sollte nicht immer zu hart urteilen. Das ist sicherlich eine Situation, die ihr alle schon des Öfteren erlebt habt. Sei es bei der netten Kollegin, einer oberflächlichen Bekannten oder der Verkäuferin im Lieblingsladen.

Auf jeden Fall ist in solch einem Moment sicherlich nicht die richtige Lösung, ihr ebenfalls mit Unfreundlichkeit zu begegnen. Und es tut mir Leid, dass wir im Falle der Kellnerin so reagiert haben.

Doch zurück zu den kleinen und großen Problemen, die uns durch unseren Alltag begleiten, die manche Tage schwerer als andere machen. Es ist so wichtig, Probleme nicht nur mit sich selbst auszumachen, sondern sie auch einmal zu teilen. Mit Menschen, die eine wichtige Rolle in unserem Leben spielen, darüber zu reden.

Es geht hier gar nicht darum, jedem ständig sein Leid zu klagen, aber es geht darum, mit Herzensmenschen darüber zu sprechen, wenn es einem nicht gut geht. Probleme nicht in sich hineinzufressen. Denn wenn Probleme ausgesprochen sind, dann merkt man meist auch eine gewisse Erleichterung, eine Art der Befreiung. Es geht auch gar nicht darum, immer die ultimative Lösung zu finden, denn die hat auch die beste Freundin nicht sofort auf dem Präsentierteller. Aber manchmal tut es einfach nur gut, über etwas zu reden. Ein „Ich bin immer für dich da“ zu hören.

Ein „Wie geht es dir wirklich?“ kann bei einer guten Freundin Dämme brechen lassen. Und das ist manchmal sooo wichtig.

Natürlich geht es nicht darum, der Kellnerin als nahezu Fremde im Restaurant diese Frage zu stellen – aber vielleicht kann man sich selbst bewusst machen, dass es an diesem Tag einen Grund gab, warum sie so war, wie sie war. Und ihr statt mit „genervt sein“ mit einer Extra-Portion Freundlichkeit begegnen. Klar, man kann und will nicht hinter jede Fassade blicken. Aber manchmal ist es wichtig, sich klar vor die Augen zu führen, dass es eben bei jedem Menschen ein „hinter den Kulissen“ gibt. Dass manche im ersten Moment unverständlichen Reaktionen einen Grund haben. Man manchmal vielleicht einen wunden Punkt trifft, ohne zu wissen, dass es ein wunder Punkt war.

Sprecht miteinander, hinterfragt Reaktionen und lasst euch vor allen Dingen nicht von vermeintlich perfekten Fassaden blenden. Und gebt euch nicht mit der „Alles gut“ Antwort eines Herzensmenschen zufrieden, wenn ihr seht, dass die Augen in dem Moment etwas anderes sagen.


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7 COMMENTS

  • 03
    02
    2019
    19
    S
    Sabine

    Liebe Sarah, das ist so toll geschrieben und so so wahr! Der Text berührt mich richtig… Danke dafür! Und Danke für deine ehrlichen Worte, mit denen du so viel persönliches Preisgibst und uns allen zeigst, dass wir alle nur Menschen sind, die eben nicht perfekt sind. <3

  • 03
    02
    2019
    19
    M
    Maike

    ❤️

  • 04
    02
    2019
    19
    C
    Carina

    Der letzte Absatz ist ein so sehr wichtiger Rat!

  • 04
    02
    2019
    19
    G
    Gina

    In unserer Gesellschaft muss man funktionieren, denn wer will schon hören, dass es einem schlecht geht. Sehr guter Bericht, der zum Nachdenken anregt.

  • 05
    02
    2019
    19
    V

    Hi Sarah,
    ein sehr schöner Beitrag, das kann ich so unterschreiben.

    So musste ich letztes Wochenende eine Servicehotline anrufen, um etwas zu klären und der Mann am anderen Ende war direkt so angenervt und unfreundlich, obwohl ich noch gar nicht viel gesagt hatte. Da dachte ich mir auch, ich könnte jetzt genauso patzig sein oder sogar ihn noch darauf hinweisen, dass er eine gewisse Professionalität an den Tag legen solle, aber ich habe es nicht gemacht. Stattdessen bin ich ruhig geblieben und war extrafreundlich, habe mir versucht vorzustellen, dass es auch sicherlich kein einfacher Job ist, an einer Hotline zu arbeiten. Schließlich rufen dort nur Leute an, wenn etwas nicht funktioniert und nicht, um den Mitarbeitern einfach einen schönen Tag zu wünschen und zu sage, wie toll sie die Firma und den Service eigentlich finden – per se also erstmal eher negativ.
    Aber durch diese positive Energie, die ich versucht habe, ihm durch den Hörer zu senden, wendete sich das Gespräch nach und nach und er wurde richtig freundlich, engagiert. Das bestärkte mich dann ebenfalls. Das muss natürlich nicht immer der Schlüssel zu allem sein, aber ich glaube, es hilft sehr viel öfter, als man denken würde.

  • 05
    02
    2019
    19
    M
    Marla

    Wie oft erweist sich ein wenig Geduld und Freundlichkeit als wahrer Türöffner! Und mal ehrlich: Sind wir nicht alle mal extrem gestresst, niedergeschlagen, ausgeknockt, einfach schlecht drauf? Geht es irgendjemandem besser, wenn einer ranzt und der andere pampt? Eher nicht. Jeder hat das Recht, Dinge zu beanstanden, die er nicht in Ordnung findet, aber bitte sachlich bleiben und sich auch mal in die Situation des Gegenübers versetzen.

  • 07
    02
    2019
    19
    A
    Anja

    Du bist absolut richtig in dem Fazit!

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