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Enttabuisierung versus Privatsphäre

Die Kolumnen sind in den letzten Monaten eindeutig zu kurz gekommen, und so wird es höchste Zeit, mal wieder (mehr oder weniger) ungefiltert meine Gedanken zu dem ein oder anderen aktuellen gesellschaftlichen oder politischen Thema mit euch zu teilen. Was es mit dem heutigen Titel auf sich hat, das möchte ich heute aufschreiben.

Wir leben in einer Zeit, in der Tabuzone aufgehoben werden. Und das ist gut so. Es ist wichtig, in so vielen Bereichen. Stichwort: Mentale Gesundheit. So lange wurde kaum über Depressionen gesprochen, ja ein Burn-Out hatte nicht einmal einen Namen. Auch wenn wir nach wie vor einen weiten Weg vor uns haben und noch lange nicht da angekommen sind, wo mentale Krankheiten von der breiten Gesellschaft mit der gleichen Ernsthaftigkeit behandelt werden wie die körperlichen, die mit der Schulmedizin behandelt werden können. Es ist so wichtig, dass man merkt, dass man nicht alleine ist. Das merke ich seit Jahren auch bei meinem Tinnitus. Es tut mir gut, mit Gleichgesinnten zu sprechen. Und davon gibt es mehrere als man denkt. Nur wurde jahrelang nicht wirklich darüber gesprochen. Das ändert sich aktuell. Und das ist so, so wichtig. Wir sollten alle viel mehr darüber sprechen, wie es uns wirklich geht. Mit Freunden, der Familie, Menschen, die uns nahestehen. Eine Kolumne zu der so wichtigen Frage „Wie geht es dir wirklich?“ findet ihr hier!

Aber, und jetzt kommen wir zu einem großen Aber. Trotz meiner Freude darüber, dass gewisse Themen raus aus der Tabuzone kommen, finde ich, dass mittlerweile oftmals über das Ziel hinaus geschossen wird. Ich finde nicht, dass immer über ALLES mit JEDEM gesprochen werden muss. Und genau das suggeriert schon wieder die Social Media Welt, die immer häufiger alles ins absolute Extrem treibt. Stichwort: jedermensch, Mensch*innen oder „gebärende und nicht-gebärende Elternteile“, wenn man zum Beispiel über das Gendern spricht. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema. Was ich konkret meine: Wir sollten unbedingt über Themen sprechen, die jahrelang in der Tabuzone waren, die uns alle oder einen großen Teil der Gesellschaft betreffen. Man sollte sich nie für etwas schämen, das normal ist.

Neben mentalen Krankheiten sind das zum Beispiel bewusst gewählte Kinderlosigkeit, oder aber die Periode der Frau. So absurd, dass es jahrelang so gar kein Thema war, wie es Sportlerinnen eigentlich geht, wenn die Menstruation ausgerechnet auf den Tag eines wichtigen Wettkampfes fällt. Die Periode ist eigentlich ein ganz gutes Beispiel für das, was ich mit diesem Text sagen möchte. Ein völlig natürlicher Prozess, der jahrelang mehr oder weniger komplett tabuisiert wurde. Doch hier gehen wir aktuell (wie bei vielen Themen) auf Social Media von einem Extrem ins andere. Was vor kurzem noch tabuisiert wurde, muss nun ständig thematisiert, ja gefeiert werden. Es ist so wichtig, dass jede Frau Zugang zu allen wichtigen Infos rund um die Menstruation hat. Und die Gesellschaft muss definitiv dafür sensibilisiert sein, dass Regelschmerzen zu einem ernsten Problem werden können. Soweit, so gut. Muss ich als Frau in der Öffentlichkeit nun jeden Monat alle Infos zu meiner Periode in Worten und Bildern mit allen Leserinnen und Lesern teilen? Nein, gewiss nicht. Wer das möchte, der kann das liebend gerne tun, aber mir persönlich ist das schlicht und einfach zu privat. Und hier wären wir bei dem Punkt, den ich hier eigentlich ansprechen möchte: Es gibt nicht nur „sich schämen und nicht darüber reden“ und „etwas als ganz normal wahrnehmen und mit jedem darüber sprechen“. Es gibt noch so viel dazwischen.

Mir persönlich war und ist meine Privatsphäre schon immer extrem wichtig. Niemals würde ich hier Dinge thematisieren, die mir zu privat sind. Was nicht heißt, dass diese nicht eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen. Niemals werdet ihr hier etwas über mein Sexleben lesen. Auch wenn mir meine Branche gerade suggeriert, es sei das Normalste der Welt, beim entspannten Brunch mit einem Sexspielzeuganbieter zu sitzen und sich mit teils fremden Menschen im ganz und gar nicht kleinen Kreis über sexuelle Vorlieben auszutauschen. Nicht falsch verstehen: Jede/r kann machen und tun was er möchte und jede/r zieht seine „zu privat“-Grenzen woanders. Nichtsdestotrotz habe ich das Gefühl, dass wir in manchen Bereichen gerade wieder einmal von einem Extrem ins andere kommen. Gefühlt ist bei vielen Influencern nichts mehr zu privat. Es wird über ALLES gesprochen. Aus Tabuisieren muss nicht immer automatisch ein Zelebrieren werden.

Unsere Verdauung mit all ihren Facetten zum Beispiel ist für uns alle das Normalste der Welt, aber dennoch ist es für mich ein Thema, das ich für mich mit „privat“ verknüpfe, und über das ich nicht mit wildfremden Menschen sprechen möchte. Nichtsdestotrotz finde ich es großartig, dass es zum Beispiel eine Influencerin mit Reizdarmsyndrom gibt, die genau dies zum Thema ihrer Kanäle gemacht hat und es sehr umfangreich öffentlich thematisiert, um somit anderen Betroffenen zu helfen. Austausch mit Gleichgesinnten ist wichtig, wenn man unter einer Krankheit leidet. Und das Internet schafft diese Möglichkeiten.

Zurück zur Privatsphäre. Es gibt viele Themen, die bespreche ich nur mit Chris, mit der besten Freundin oder im Familienkreis. Es gibt so vieles, das in meinem Leben eine große Rolle spielt, was ich hier aber niemals öffentlich thematisieren würde. Nicht weil ich mich für irgendwas schäme und es deshalb in die Tabuzone stecke, sondern weil es ein Thema ist, das einfach nur meinen engsten Kreis, meine Beziehung oder sogar nur mich ganz alleine etwas angeht. Jede/r sollte über das sprechen können, worüber er/sie sprechen möchte. Aber alles kann, nichts muss.

Oder, nun noch ein ganz anderer Ansatz: Ist dieses „too much“ zu manchen Themen vielleicht ganz genau richtig, damit sie langfristig wirklich komplett aus der Tabuzone geholt werden?

Nun möchte ich das Wort an euch übergeben: Wie nehmt ihr die Entwicklung wahr? Mit welchen Tabuthemen sollte eurer Meinung nach noch gebrochen werden? Und über welche wiederum würdet ihr niemals in der Öffentlichkeit sprechen? Ich bin wie immer sehr gespannt auf eure Meinungen!

PS: Lasst uns als Gesellschaft endlich das Thema Homosexualität im Profisport (Stichwort: Fußball) aus der Tabuzone holen!


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7 Kommentare

  • 12
    06
    2022
    22
    N
    Nadja

    Wahre Worte, ich bin wieder mal ganz Deiner Meinung.

  • 13
    06
    2022
    22
    S
    Sue

    Sehe ich ganz genau so (aber das weißt Du ja).

    Ich finde es rutscht teilweise genau dahin ab „alles teilen und feiern zu müssen.“ Ich kann zum Beispiel auch über sehr Privates schreiben in meiner Life at 30 Kolumne, andere Dinge aus meinem Leben, meiner Ehe, meinem Alltag aber auch für mich behalten wollen. Ich muss mich auch nicht mit blutiger Hose fotografieren, um „echt und authentisch“ zu sein und dafür zu kämpfen die Periode zu enttabuisieren.

    Sehe es wie Du. Und weiß als BFF aber natürlich auch die anderen Dinge. Es tut gut, dass es die zwischen uns beiden oder uns vier auch noch gibt. Und ich glaube das ist sehr wichtig und wertvoll. Auch für die eigene mentale Gesundheit.

  • 13
    06
    2022
    22
    J
    Jessi

    Naja, sagt aber ja auch keiner, dass jeder über alles reden muss. Aber um Tabuthemen zu brechen, braucht es nunmal auch Vorbilder, die genau mit diesen Tabus brechen. Ich kann da den Mut von Aktivist*innen nur bewundern.

    1. 13
      06
      2022
      22
      S

      Du hast absolut Recht, es braucht Vorbilder zum Brechen der Tabus. Genau das habe ich ja auch am Beispiel der Influencerin, die über das Thema Reizdarm berichtet, geschrieben. :-) Es ist sooo wichtig, dass es Aktivistinnen und Aktivisten gibt. Was mich persönlich stört und was ich in dieser Kolumne versucht habe wiederzugeben, ist etwas ganz anderes. Dieses „zu viel von allem“ in manchen Bereichen, dieses „Über ALLES muss gesprochen werden“. Und ich finde leider schon, dass die Social Media Welt das oftmals vermittelt.

      1. 15
        06
        2022
        22
        J
        Jessi

        Mmh, vielleicht reden wir wirklich von unterschiedlichen Dingen – ich finde nämlich gar nicht, dass so viel und grenzenlos über bestimmte Dinge gesprochen wird. Aber vielleicht ist es auch eine Frage der „Bubble“, in der man sich in social media bewegt?

        Ich habe zum Beispiel vor kurzem ein Foto von Frauen in schöner Unterwäsche gesehen (ich glaube auch, es war ein Unterwäsche-Brand) und in einigen Slips klebte sichtbar eine Slipeinlage bzw. Binde. Ich persönlich dachte YES, denn so sehen Frauen eben (unter anderem) aus. Und nur durch das Sichtbarmachen können sich Sehgewohnheiten ändern und überhöhte Standards (vor allem an Frauen) geändert werden. Ähnlich verhält es sich, wenn mal ein Tropfen Blut im Schlüpfer landet. Es gibt genug, für die das Thema Menstruation vor allem mit Scham behaftet ist, es irgendwie als eklig etc. gilt. Wenn diese Themen sichtbar und damit einfach normaler werden, hat das, glaube ich, schon seinen Nutzen.

        Aber wie gesagt, ich bin mir gar nicht sicher, von welcher Art Accounts du redest, möglicherweise würde ich dir dann recht geben. So würde ich die Frage „Muss man denn über alles reden?“ mit einem vorsichtigen Ja beantworten. Oder: man sollte darüber reden dürfen. Wenn ich das dann nicht konsumieren möchte, ist das etwas anderes und genauso okay. Ich hoffe, du verstehst meine Gedanken. Liebe Grüße!

  • 13
    06
    2022
    22
    M
    Marla

    Privates muss privat bleiben dürfen. Ja, es ist gut und richtig, dass vieles enttabuisiert wurde und wird. Aber kann man nicht Dinge für sich behalten, einfach, weil sie keinen anderen etwas angehen und auch keiner so genau wissen will? Natürlich gibt es eine Reihe von Themen, die unbedingt ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt und nicht schamhaft verschwiegen gehören. Aber muss ich deshalb immer und jedem gegenüber ungefragt hinausposaunen, wie es mir damit geht? Sicher nicht. So richtig und wichtig es ist, sogenannten Tabuthemen Gehör zu verschaffen, muss man der Öffentlichkeit nicht zwangsläufig jede Befindlichkeit mitteilen. Warum wohl unterscheidet man ich, du, er, sie, es usw.

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