Dieser Artikel liegt ehrlicherweise schon eine ganze Weile als Entwurf auf meinem Computer. Immer wieder fiel mir etwas Neues dazu ein, immer wieder zögerte ich, ihn zu veröffentlichen.
Nicht, weil ich mir bei diesem Thema unsicher wäre, sondern weil ich weiß, wie emotional aufgeladen es ist und wie schnell Menschen sich persönlich angegriffen fühlen, wenn man über Lebensentwürfe spricht, die vom gesellschaftlichen Idealbild abweichen. Und ich immer wieder mit Schrecken durch die Kommentare scrolle, sobald dieses Thema auf Social Media aufkommt. Zuletzt erst vorgestern unter einem Beitrag von Maddie.
In den vergangenen Jahren habe ich schon häufiger über Kinderwunsch, Familienplanung und den Umgang unserer Gesellschaft mit diesem Thema geschrieben. Als ich diesen Artikel schrieb, war ich Anfang 30 und mir war natürlich bewusst, dass sich Entscheidungen ändern können. Damals schrieb ich noch nicht von einer endgültigen Entscheidung, sondern von einer Momentaufnahme. Ich wusste, dass Lebensentwürfe nicht immer in Stein gemeißelt sind und man mit Anfang oder auch Mitte 30 vielleicht noch gar nicht final sagen kann, wohin die Reise geht.
Nun werde ich in vier Monaten 40 und Chris und ich haben vor einiger Zeit eine gemeinsame Entscheidung getroffen: für ein Leben ohne eigene Kinder. Eine Entscheidung, die wir seitdem (Ja, immer noch!) viel zu oft erklären, verteidigen und rechtfertigen mussten. Oder genauer gesagt: vor allem ich.
Und genau deshalb möchte ich heute darüber schreiben. Nicht, um mich für irgendetwas zu rechtfertigen, sondern um eine Perspektive sichtbar zu machen, die auch 2026 offenbar noch immer erklärungsbedürftig ist.
Was viele nicht verstehen wollen: Sich gegen Kinder zu entscheiden bedeutet nicht automatisch, dass diese Entscheidung leichtfertig getroffen wurde. Ganz im Gegenteil. Ich habe mir über dieses Thema unfassbar viele Gedanken gemacht. Wahrscheinlich sogar mehr als viele Menschen, die sich für Kinder entscheiden.
Wenn man als Frau keinen ausgeprägten Kinderwunsch verspürt, wird man permanent mit Fragen, Kommentaren und Erwartungen konfrontiert. Oft garniert mit einem überheblichen: „Du wirst es irgendwann bereuen.“
Insbesondere vor drei Jahren, als es mir mental sehr schlecht ging, habe ich fast mein ganzes Leben hinterfragt. Meinen Beruf, unseren Wohnort, zwischenmenschliche Beziehungen. Große Entscheidungen. Vieles stand auf dem Prüfstand. Meine Beziehung zu Chris und diese Entscheidung nicht.
Wenn man nicht diesen brennenden Kinderwunsch verspürt, gibt es (und ich muss das an dieser Stelle einfach offen und ehrlich aussprechen) auch viele Argumente, die gegen eigene Kinder sprechen. Und ja, auch darüber denkt man nach. Über Verantwortung, über Zukunft, über mentale Kapazitäten und über den Zustand dieser Welt.
Besonders irritierend finde ich Argumente wie, man müsse Kinder bekommen, um das Rentensystem zu sichern oder nicht einsam im Alter zu sein. Kinder sind keine Versicherungspolice und kein gesellschaftliches Pflichtprogramm.
Und nein, das bedeutet nicht, dass ich Menschen nicht verstehe, die sich Kinder wünschen. Ganz im Gegenteil. Ich weiß, dass ich als Frau in den Dreißigern ohne Kinderwunsch die Ausnahme bin. Und ich freue mich von Herzen über jede Schwangerschaftsnachricht von Freundinnen und mindestens genauso sehr leide ich mit, wenn ich erfahre, dass liebe Menschen einen unerfüllten Kinderwunsch haben. Es zerreißt mir ehrlich das Herz, wenn ich sehe, wie sehr sich jemand ein Kind wünscht und dieser Wunsch unerfüllt bleibt.
Es gibt mir jedes Mal ein komisches Gefühl, wenn ich bei meiner Frauenärztin sage, dass unsere Familienplanung abgeschlossen ist, und mir beim Ultraschall wenige Minuten später trotzdem erzählt wird, wie wundervoll doch alles für eine Schwangerschaft aussehen würde.
Sich gegen Kinder zu entscheiden bedeutet nicht automatisch, Kinder nicht zu mögen. Keinen Wert auf Familie zu legen. Sich nur um sich selbst zu kreisen. Dieses Vorurteil verletzt mich wahrscheinlich am meisten. Diese unterschwellige Unterstellung, egoistisch zu sein, Kinder nicht leiden zu können oder nur an sich selbst zu denken.
Dabei ist mir Familie sehr wichtig. Und ich mag Kinder. Ich freue mich, die Kinder meiner Freundinnen zu sehen, höre mir gerne Geschichten aus ihrem Alltag an, freue mich über kleine und große Meilensteine und bin mit aufgeregt, wenn etwas ansteht, das ihnen wichtig ist.
Was ich in all den Jahren besonders spannend fand: Chris hatte als Mann gefühlt nur einen Bruchteil dieses mentalen Ballasts. Für ihn war einfach nur klar: Ich möchte keine Kinder. Punkt. Bei mir war es: Ich möchte keine Kinder. Und trotzdem waren da 100.000 Gedanken, Kommentare, Fragen und Rechtfertigungen von außen.
Weil diese Entscheidung bei Frauen offenbar immer noch deutlich weniger akzeptiert ist. Als würde Weiblichkeit automatisch mit Mutterschaft einhergehen müssen. Als würde etwas fehlen, wenn man sich dagegen entscheidet. Dieses unterschwellige Gefühl von „Du bist weniger wert, wenn du nicht Mutter bist“ ist verletzend. Auch dann, wenn man sich seiner Entscheidung vollkommen sicher ist.
Und wenn man dann noch erklärt bekommt, dass man „nie erleben wird, was Liebe wirklich bedeutet“, wird es irgendwann einfach nur anmaßend.
Ich hatte nie das Gefühl, dass unserer Beziehung etwas fehlt. Oder dass wir nur vollständig wären, wenn da noch jemand wäre. Unsere Familie fühlt sich vollständig an. Und genau das scheint für viele Menschen erstaunlich schwer auszuhalten. Ich kann mich übrigens auch nur bedingt mit dem aktuell auf Instagram häufig zelebrierten DINK-Lifestyle identifizieren („Double Income, No Kids“). Für mich ging es nie darum, keine Kinder zu bekommen, um möglichst frei, luxuriös oder maximal unabhängig leben zu können.
Unsere Entscheidung ist nicht gegen etwas getroffen worden. Sondern für unseren ganz persönlichen Lebensentwurf. Für ein Leben, das sich für uns richtig anfühlt.
Kinder können für viele Menschen die größte Erfüllung sein und ich verstehe von Herzen, wenn das der eigene Weg ist. Aber warum fällt es der Gesellschaft immer noch so schwer, andere Lebensmodelle einfach daneben existieren zu lassen? Nicht zu kritisieren, zu vergleichen, nicht die eigenen Wünsche auf andere projizieren.
Ein Leben ohne Kinder ist nicht automatisch leer, egoistisch oder unvollständig. Unsere Entscheidung ist einfach ein anderer Weg. Unser Weg. Und unsere Familie ist nicht unvollständig, nur weil sie anders aussieht als das gesellschaftliche Idealbild. Sie ist vollständig, weil sie zu uns passt.
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