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Über das Älterwerden

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Vor kurzem saßen wir an einem schönen Sommerabend mit einigen Nachbarinnen und Nachbarn in unserem Hof zusammen. Irgendwann kam das Thema Alter auf und als ich dann ganz offen in die Runde fragte, wie alt denn jeder sei, gab es einen gravierenden Unterschied zwischen den Antworten der Männer und denen, der Frauen.

Während die Frauen fast schon zerknirscht „38“ oder „40“ vor sich hin murmelten, antworteten die Männer ganz nüchtern auf diese Frage. Sie sprachen ihr Alter aus, ohne dieser Zahl direkt eine Wertung zu verleihen. Ich wollte mit meiner Frage natürlich niemanden in Verlegenheit bringen, und dennoch kam mir aufgrund dieser Reaktionen wieder der Satz „über das Alter spricht man nicht“ in den Kopf. Das Alter = ein unangenehmes Thema für erwachsene Menschen. Genauer gesagt für erwachsene Frauen.

Auch an mir selbst merke ich oft, dass ich ein „schon ganz schön alt“ mit meinen 35 Jahren in Verbindung bringe. Dabei ist das natürlich total lächerlich. Ich hoffe doch, dass mein Leben weit länger als das Doppelte dieser dreieinhalb Jahrzehnte andauern wird und ich gesund noch unendlich viele Erinnerungen schaffen kann. Einerseits ist „das alt werden“ sehr erstrebenswert, wir arbeiten und planen für unser Alter, aber gleichzeitig wird das Älterwerden oftmals in ein sehr negatives Licht gerückt.

Wieso? Fast immer steht es im Zusammenhang mit den äußeren Anzeichen des Alterns. Den Falten, der schlafferen Haut, dem Ergrauen der Haare. Vor ein paar Monaten schrieb ich eine Kolumne rund um Altersdiskriminierung und die Grenzen von Body Positivity. Das sind Themen, über die wir viel häufiger sprechen müssen. Es muss sich in unserer Gesellschaft so viel ändern, um endlich diese Fixierung auf die jugendliche Schönheit zu lösen. Und das damit verbundene negative Bewerten optischer Alterungsprozesse.

Das Altern ist so vielschichtig. Bringt eben fernab von der optischen Alterung auch so viel Positives. Mehr Erfahrung, mehr Gelassenheit mehr „ich weiß, was ich vom Leben will“. Und ganz ehrlich? Sch*** drauf, dass Teenager der Meinung sind, man wäre mit 40 (oder sogar mit 30) zu alt für diverse Dinge. Das dachten wir damals ja auch. Ich finde Teenager meist genauso schräg wie ich als Teenager das Verhalten der „alten“ Mitte Dreißigjährigen fand.

Der entscheidende Punkt ist doch auch folgender: Man wächst mit seinem Alter mit. Will ich mit 35 noch drei Abende hintereinander bis am frühen Morgen in einem Club tanzen gehen? Ganz sicher nicht! Und ich fühle mich auch nicht schlecht, wenn ich bei dem ein oder anderen Jugendtrend nicht mitkomme. Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht offen für Neues bin. Aber ich unterhalte mich gerne mit meinen erwachsenen Freunden, ohne hinter jeden Satz das Wort „Digga“ zu setzen. Im Zusammenhang dieses Artikels las ich mir übrigens auch eine Liste mit den Jugendwörtern des Jahres seit Beginn der Wahl im Jahr 2008 durch. So viele davon habe ich zuvor noch nie gehört. Besonders amüsant finde ich, dass 2008 „Gammelfleischparty“ auf dem ersten Platz landete. Die Definition: Party für Menschen über 30 Jahren.

So oft wird von reiferen Menschen im Zusammenhang mit der Jugend von „zu alt“ gesprochen, aber viel zu selten von „zu jung“ im Umkehrschluss. Ich rede hier nicht von der Tatsache, dass man minderjährig noch nicht in Clubs darf und keinen Alkohol im Laden bekommt. Sondern davon, dass man für sooo viel schlicht und einfach noch nicht reif genug ist. So selten wird der Geist in den Vordergrund gerückt. Denke ich an meine Teenagerzeit zurück, muss ich schmunzeln. Darüber, für wie erwachsen ich mich hielt. Wie wütend ich oftmals über meine Eltern war, die mir Dinge verboten und vorschrieben. Wie engstirnig ich damals in meiner jugendlichen Naivität war. Wie sehr ich die Lebenserfahrung der Älteren unterschätzt habe. Aber auch vollkommen okay, denn ich war ein Teenager. Und alles kommt zu seiner Zeit. Ich bin mir sicher, dass ich mit 50 oder 80 über Vieles schmunzeln werde, dass ich mit 35 gemacht und entschieden habe. Klar, hinterher ist man immer schlauer. Aber das Schönste ist doch, wenn man sich immer in der Phase, in der man sich gerade befindet, wohl fühlt.

Vielleicht mischen sich immer mehr graue Haare in meine braune Mähne und rund um die Augen zeichnen sich Falten ab. Aber generell fühle ich mich soooo viel besser als mit 17, als ich von Unsicherheiten zerrissen war. By the way: Bin ich froh, dass ich in Zeiten ohne Social Media aufgewachsen bin! Mal ehrlich, ich wollte beim besten Willen nicht mehr 18 sein, geschweige denn 16.

Lebenserfahrung, geistige Reife, generell die durch das Alter klar geprägten Charaktereigenschaften eines Menschen sollten so viel höher angesehen werden. Ist die innere Schönheit nicht viel kostbarer als die Äußere?

Ja, aus der Sicht von Teenagern bin ich vielleicht schon „viel zu alt für X und Y.“, aber es sind doch auch nicht die Teenager, mit denen ich meinen Abend verbringe. Es sind die Personen meiner Generation, die genauso gerne wie ich stundenlang gute Gespräche führen, Spiele spielen und auch mal den ganzen Abend zuhause statt im Restaurant oder einer Bar verbringen. Das ist doch das Beste am Erwachsensein: Alles kann, nichts muss.

Und ist es nicht das Schönste, Wertvollste, Erstrebenswerteste, gesund alt werden zu dürfen? Ich freue mich auf eure Gedanken in den Kommentaren!


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3 Kommentare

  • 03
    07
    2022
    22
    N
    Nadja

    So schön in Worte gefasst!

  • 03
    07
    2022
    22
    S

    Mit großem Interesse gelesen und ich möchte hinter jeden Satz drei Ausrufezeichen machen. Merci fürs Teilen und für das auf den Punkt bringen eines Themas, das mich und meine (weiblichen) Freunde gerade sehr beschäftigt.

    Liebe Grüße,
    Sarah

  • 04
    07
    2022
    22
    M
    Marla

    Jawoll! Generell mag ich dieses Schubladendenken nicht: Mit XY Jahren trägt man nicht, macht man nicht, mag man nicht…und wenn doch? Darf man dann nicht, nur um einer Norm zu entsprechen? Negativ am Älterwerden finde ich eigentlich nur, dass der Blick zurück immer mehr Vergangenes zeigt, während die Zukunft immer übersichtlicher wird und vieles unabänderlich ist. Aber gut. Innerhalb des Rahmens ist immer noch eine Menge möglich. Jedenfalls bin ich dankbar für Lebenserfahrung und Einsichten, die ich mit zwanzig noch nicht hatte.
    Im Übrigen halte ich Äußerlichkeiten keineswegs für unwichtig, sondern für eine Frage der inneren Einstellung dazu. Ich kenne schicke, modebewusste Frauen, die mit langen grauen Haaren toll aussehen und selbstbewusst ihre Falten schminken, weil das zu ihnen gehört wie Wasser und Seife. Andere färben (ich auch), weil sie eine andere als ihre Naturhaarfarbe einfach spannender finden. Einfach alles akzeptieren! Es ist keine Frage des Alters, es ist Ausdruck der Persönlichkeit

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