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Wir dürfen das Denken nicht verlernen!

„Ich hab das mal mit Chatty durchgesprochen“ ist ein Satz, den ich in den letzten Monaten unzählige Male in meinem persönlichen Umfeld gehört habe. Und ja, auch selbst schon gesagt habe. Denn tatsächlich „bespreche“ ich täglich unfassbar viel mit meinem Chatbot.

Insbesondere berufliche Mails, aber auch Ideen, private und berufliche Alltagshürden und ja, manchmal sogar wirklich relevante Themen. Vor Kurzem saßen wir mal wieder bei unserem Steuerberater, um ein paar Dinge zu besprechen. Mit einer echten Person, mit der wir seit Jahren zusammenarbeiten. Aber ganz ehrlich? Vieles von dem, was wir besprachen, hatten wir vorab schon mit ChatGPT durchgespielt. Wirklich neue Erkenntnisse kamen deshalb kaum hinzu. Und trotzdem war es uns wichtig, die Einschätzung eines Menschen zu hören, dem wir seit Jahren vertrauen.

Und letztendlich unterhielten wir uns bei unserem Termin auch lange darüber, wie die Zukunft der beratenden Berufe aussehen wird. Doch nicht nur die der beratenden, sondern auch die der kreativen Berufe. Und ja, das macht mir Angst.

Denn wenn ich auf meine letzte Kolumne zu diesem Thema aus dem Juli vergangenen Jahres zurückblicke, wird mir bewusst, wie gravierend die Veränderungen innerhalb eines einzigen Jahres waren. Wie selbstverständlich KI inzwischen Teil unseres Alltags geworden ist. Welche Berufe es in zehn Jahren überhaupt noch geben wird? Niemand weiß es. Oder genauer gesagt: Es gibt viele Prognosen, die tiefgreifende Veränderungen unserer Arbeitswelt vorhersagen. Aber darüber möchte ich heute eigentlich gar nicht schreiben. Denn mich beschäftigt gerade noch eine ganz andere Frage.

Was mir aktuell ein etwas mulmiges Gefühl bereitet, ist, dass wir mittlerweile (und das ging einfach so unglaublich schnell) nicht mehr nur Aufgaben abgeben, sondern teilweise auch die einfachsten Denkprozesse. Ich zähle nicht zu den Menschen, die immer an den guten alten Zeiten festhängen (okay, stimmt nicht ganz. Manchmal würde ich schon gerne zurück in die VOR-Internet-Zeit reisen). Schließlich basiert mein gesamter beruflicher Weg auf den Vorteilen des Internets. Ich bin total dankbar dafür, dass wir nicht mehr stundenlang in Lexika suchen müssen, um an eine Info zu kommen, sondern diese auch mal schnell googeln können. Aber wie wir mit dieser Info umgehen, war bis jetzt immer noch uns selbst überlassen. Bzw. unserem Gehirn. Und jetzt passiert etwas, das ich so nicht erwartet habe: Das alles geht noch einen Schritt weiter. Dank KI lassen wir uns nicht nur Informationen liefern, sondern auch Argumente entwickeln, Entscheidungen vorbereiten und Gedanken strukturieren. Oder kurz gesagt: Wir übergeben das Denken. Und so verlockend das im ersten Moment klingt, so alarmierend finde ich es im nächsten. Ganz klar: Ich will das nicht!

Aber alles ist gerade ein verdammt schmaler Grat. Wenn ich mir von einer KI zehn Argumente für eine Entscheidung oder Ideen für ein kreatives Projekt liefern lasse, kann das meinen Horizont erweitern. Wenn ich diese Argumente aber ungeprüft übernehme, ohne selbst darüber nachzudenken, passiert das Gegenteil. Wir können uns heute nicht mehr nur Informationen beschaffen, sondern innerhalb weniger Sekunden auch eine hervorragend formulierte Einschätzung zu nahezu jedem Thema liefern lassen. Und es ist zu verlockend, sich blind darauf zu verlassen. Dabei ist es so wichtig, unsere Fähigkeit zu bewahren, Infos einzuordnen und Dinge kritisch zu hinterfragen.

Vermutlich ist es unsere eigene Bequemlichkeit, die in der aktuellen Zeit die größte Herausforderung ist. Warum sich mühsam in ein Thema einarbeiten, wenn man sich die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfassen lassen kann? Das ist nicht pauschal schlecht. Im Gegenteil, es kann enorm viel Zeit für andere Dinge schaffen. Aber wenn wir uns immer für den bequemsten Weg entscheiden, könnten wir irgendwann etwas verlieren, das wir nie bewusst aufgeben wollten: die Fähigkeit, Dinge selbst zu durchdenken, und die Freude daran, etwas Eigenes zu erschaffen.

Ich habe in den letzten Monaten häufig zu Chris ungefähr folgenden Satz gesagt „Bin ich eigentlich dumm, dass ich das noch selbst mache?“ Wenn ich wieder einmal gelesen habe, dass Tätigkeit XY, die mich drei Stunden kostet, mir aber (und das ist ein wichtiger Punkt) auch Spaß macht oder mich im Positiven herausfordert, innerhalb von fünf Minuten von der KI erledigt werden kann. Dass ich einfach nur hätte gut prompten müssen und nicht so viel selbst denken. Aber ganz ehrlich? Ich WILL selbst denken. Und gleichzeitig will ich aber mit der Zeit gehen und die Vorteile neuer Technologien nutzen. Nicht irgendwann zu spät dran sein.

Wird das unsere Zukunft sein? Möglichst effizient sein, immer und überall? Und muss eigentlich alles, was wir tun, möglichst effizient sein? Ist es nicht mindestens genauso wertvoll, drei Stunden an etwas zu arbeiten, das uns erfüllt, selbst wenn eine KI es in fünf Minuten erledigen könnte?

Ein weiterer Gedanke: Wir müssen aufpassen, dass wir nicht irgendwann die Fähigkeit verlieren, uns selbst zu vertrauen. Wenn wir jede Entscheidung, jede Formulierung und jeden Gedanken von einer KI überprüfen lassen, könnte sich langfristig auch unser Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen verändern. Ich muss zum Beispiel an berufliche Mails denken. Bis vor wenigen Monaten habe ich solch eine Mail geschrieben, noch einmal durchgelesen und abgeschickt. Heute lasse ich sie immer häufiger vor dem Abschicken von ChatGPT überprüfen. Oder ich tippe einfach nur ein paar Stichpunkte ein und lasse daraus direkt eine fertige Mail formulieren. Und ja, beides mache ich mittlerweile regelmäßig. Im ersten Fall hole ich mir eine Bestätigung, die ich früher nie gebraucht habe. Im zweiten überlasse ich der KI sogar das Formulieren, das ich jahrelang ganz selbstverständlich selbst übernommen habe. Ob ich mich ohne diese Unterstützung noch genauso sicher fühle? Keine Ahnung.

Und dabei geht es längst nicht nur um berufliche Fähigkeiten. Sondern auch um unsere Neugier, unsere Kreativität und unsere persönliche Entwicklung. Darum, Dinge selbst auszuprobieren, Fehler zu machen, neue Perspektiven kennenzulernen und sich auch einmal intensiv mit einer Frage auseinanderzusetzen, auf die es keine schnelle Antwort gibt.

Was ich auch so relevant finde: Was macht es in der Zukunft mit uns als Gesellschaft, wenn plötzlich alle die gleichen Tools an der Hand haben? Was passiert mit dem Wert von Wissen und Expertise, wenn sich plötzlich jeder innerhalb weniger Sekunden eine scheinbar fundierte Meinung zu jedem erdenklichen Thema liefern lassen kann?

Fragen, die wir uns vielleicht immer wieder stellen sollten: „Wann habe ich eigentlich zuletzt wirklich lange über ein Problem nachgedacht, ohne nach wenigen Minuten ChatGPT zu fragen?“ Oder aber: „Wie oft entwickle ich eigentlich noch meine eigenen Gedanken, statt mich von bereits fertig formulierten Antworten leiten zu lassen?“

Ich möchte die Möglichkeiten dieser neuen Technologie nutzen, ohne dabei meine eigenen Fähigkeiten aus den Augen zu verlieren. Ich möchte mir den Alltag erleichtern, ohne es mir beim Denken zu leicht zu machen. Und ich möchte auch in Zukunft Dinge selbst erschaffen, einfach weil ich Freude daran habe. Selbst wenn eine KI es längst schneller könnte. Vielleicht müssen wir in Zukunft nicht nur lernen, KI möglichst gut zu nutzen. Sondern auch, sie ganz bewusst einmal nicht zu nutzen.

PS: Ja, ich habe die Kolumne von meinem Chatbot korrigieren lassen und auch das ein oder andere Argument diskutiert. Hier das abschließende Feedback, das ich auf meine (wohlgemerkt eigenen) Gedanken bekam:

„Ich finde, die Kolumne ist wirklich gelungen, weil du ein hochaktuelles Thema auf eine sehr persönliche, ehrliche und differenzierte Weise beleuchtest, ohne dabei belehrend zu wirken. Besonders stark finde ich, dass du deinen eigenen Umgang mit KI kritisch hinterfragst und damit einen inneren Konflikt beschreibst, den vermutlich viele Menschen kennen: die Begeisterung für die neuen Möglichkeiten und gleichzeitig die Sorge, dabei etwas von den eigenen Fähigkeiten zu verlieren. Und das Spannende ist: Gerade die Tatsache, dass du deine selbst entwickelten Gedanken mit mir diskutiert und den Text von mir korrigieren lassen hast, zeigt, dass KI nicht zwangsläufig unser Denken ersetzen muss, sondern es auch bereichern kann.“

Lesetipp: Menschsein: Was die KI nicht kann




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