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Warum wir nicht für immer folgen müssen

Vor einigen Jahren habe ich hier auf dem Blog schon einmal über die Gefühle geschrieben, die Social Media in uns auslöst, und darüber, warum wir auch mal auf „Entfolgen“ klicken sollten.

Damals (2019) folgte ich auf Instagram über 1.600 Accounts und stellte irgendwann ziemlich erschrocken fest, wie viele davon mich eigentlich überhaupt nicht mehr interessierten. Und 2026 war ich wieder bei über 2.000 gelandet. Offensichtlich ist das mit dem digitalen Ausmisten also nichts, was man einmal erledigt und dann für immer abhaken kann. Denn in sieben Jahren sammelt sich wieder einiges an. Menschen, die man kennenlernt. Accounts, die man für eine bestimmte Zeit spannend findet. Restaurants und Hotels von Reisen, neue Marken, Künstlerinnen …

Und 2.000 Accounts sind ganz schön viele. Natürlich sehe ich niemals die Inhalte all dieser Profile. Doch warum folge ich eigentlich so vielen Menschen und Accounts, deren Inhalte mich gar nicht (mehr) interessieren? Seit einiger Zeit mache ich deshalb genau das wieder: darüber nachdenken und nach und nach auf „Entfolgen“ klicken. Nicht mit dem Ziel, am Ende bei irgendeiner möglichst kleinen Zahl anzukommen. Auch nicht, weil jeder Account einen riesigen Mehrwert für mein Leben bieten muss. Ich möchte einfach häufiger das sehen, was ich wirklich sehen möchte.

2019 dachte ich vor allem ans Aussortieren. Heute denke ich viel mehr an die Frage, wem und was ich eigentlich jeden Tag Raum geben möchte. Denn wir folgen Menschen teilweise jahrelang weiter, obwohl wir bei jedem ihrer Beiträge sofort weiterscrollen. Wir folgen Accounts aus Gewohnheit. Weil wir die Person irgendwann einmal kannten. Weil uns ein Thema vor drei Jahren brennend interessiert hat. Oder schlicht, weil wir irgendwann einmal auf „Folgen“ geklickt haben. Und ja, das sage ich als eine Person, die selbst beruflich darauf angewiesen ist, dass ihr Menschen auf Social Media folgen.

Fun Fact am Rande: Ich bin irgendwann mehreren hundert Bali-Accounts (Hotels, Cafés, Shops, Personen) gefolgt, weil wir damals sooo viel Zeit auf der Insel verbracht haben und es unser Home away from Home war. Das ist so lange her. Mittlerweile interessiert mich das neue Menü eines Cafés in Canggu ehrlicherweise so gar nicht mehr.

Eine Frage, die ich mir immer wieder stelle: Würde ich diesem Account heute noch folgen, wenn ich ihn gerade zum ersten Mal entdecken würde? Bei einigen lautet die Antwort ganz klar: ja. Bei vielen aber eben auch: nein. Und das muss überhaupt nichts Negatives bedeuten. Vielleicht hat sich der Account verändert oder aber meine persönlichen Interessen.

„Entfolgen“ wird häufig als etwas Negatives verstanden. Zum Beispiel, wenn sich prominente Paare trennen. Gefühlt dauert es keine fünf Minuten, bis irgendwo die Meldung auftaucht: „Sie folgen sich nicht mehr auf Instagram!“ Sofort wird böses Blut vermutet. Ich sehe das mittlerweile ganz anders. Vielleicht ist das Entfolgen manchmal schlicht die erwachsenste Entscheidung, die man in diesem Moment treffen kann. Denn was, wenn es einem einfach nicht gut tut, ständig etwas von dieser Person zu sehen? Wenn man schlicht und einfach Abstand braucht? Warum sollte man sich dem freiwillig aussetzen?

Ich habe selbst bei mir und anderen erlebt, wie wichtig dieser digitale Abstand sein kann. Wenn eine Freundschaft oder Beziehung auseinandergeht, gibt es meistens nicht nur „die eine simple“ Erklärung dafür. Es gibt Verletzungen und Dinge, die zwischen zwei Menschen passiert sind und genau dort auch bleiben sollten. Insbesondere wenn die eine Person die Privatsphäre wahrt und die andere öffentlich eine sehr einseitige Version der gemeinsamen Geschichte erzählt, kann Social Media plötzlich ziemlich schwierig werden. Denn nur weil man selbst beschlossen hat, nicht öffentlich zu reagieren, bedeutet das ja nicht, dass einen das, was die andere Person erzählt, kaltlässt. Dann wird dieses simple „Entfolgen“ eine Form von Selbstschutz.

Und manchmal ist es auch einfach „not that deep“. Manchmal trifft ein Account schlicht nicht mehr die eigenen, aktuellen Interessen. Wie persönlich so etwas trotzdem genommen werden kann, habe ich auch schon selbst erlebt. Ich entfolgte vor ein paar Monaten einer Kollegin, die ich vor vielen Jahren einmal auf einer Reise kennengelernt hatte. Wir hatten schon lange keinen Kontakt mehr und der Content ihrer aktuellen Lebensphase sprach mich schon länger nicht mehr an. Kurz darauf schrieb sie mir. Sie war persönlich getroffen und fand, dass man jemandem nicht entfolgt, wenn man sich im echten Leben kennt. Wenn mich ihre Inhalte nicht mehr interessieren würden, könne ich sie schließlich einfach stumm schalten. Aber ist Stummschalten wirklich die bessere Variante? Ich sehe die Inhalte der Person dann genauso wenig, folge ihr aber weiterhin, damit sie nicht merkt, dass ich sie eigentlich gar nicht mehr sehen möchte. Für mich persönlich fühlt sich das viel unaufrichtiger an als ein Unfollow.

Ich erklärte ihr deshalb, dass meine Entscheidung überhaupt nichts gegen sie als Person oder ihren Content war. Ich möchte in meinem Feed wieder mehr von den Menschen sehen, mit denen ich im echten Leben zu tun habe, und von Accounts, deren Inhalte gerade zu mir und meiner aktuellen Lebensphase passen. Denn Interessen verändern sich, Lebensphasen ebenso. Mir sind im Laufe der Jahre selbst Kolleginnen entfolgt, mit denen ich einmal jahrelang sehr viel Kontakt hatte. Und ja, natürlich kann man im ersten Moment kurz denken: Oh, okay. Aber wenn man seit Jahren nichts mehr miteinander zu tun hat, warum sollte ein Instagram-Follow künstlich eine Verbindung aufrechterhalten, die im echten Leben längst nicht mehr existiert?

Vielleicht sollten wir einem kleinen Button einfach weniger Bedeutung geben. Denn jemandem auf Instagram nicht mehr zu folgen bedeutet nicht automatisch: „Ich mag dich nicht!“ Manchmal bedeutet es lediglich, dass sich die Wege verändert haben. Nicht jeder Mensch, der einmal Teil unseres Lebens war, muss für immer Teil unseres digitalen Alltags bleiben. Nicht jeder Account, dem wir 2016 begeistert gefolgt sind, muss 2026 noch zu uns passen.

Es geht nicht nur ums Aussortieren, sondern auch um Grenzen. Um die Freiheit, selbst zu entscheiden, welche Menschen, Meinungen und Geschichten wir jeden Tag ganz nah an uns heranlassen. Ein „Entfolgen“ ist nicht automatisch ein Statement. Manchmal bedeutet es einfach nur: Das hier fühle ich gerade nicht (mehr). Und das ist Grund genug.


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